Jakobsweg | Die erste Zeit allein
Nachdem Vera und ich den Jakobsweg zusammen angetreten und zwei Wochen gemeinsam gelaufen sind, gehe ich den Weg nach einer einwöchigen Pause in Burgos alleine weiter. So habe ich als Solopilgerin mittlerweile 244,5 Kilometer auf dem Camino zurückgelegt.
Tagesetappen
Burgos - Rabé de las Calzadas, 13,5 km
Rabé de las Calzadas - Castrojeriz, 28,7 km
Castrojeriz - Boadilla del Camino, 20,3 km
Boadilla del Camino - Carrión de los Condes, 26,1 km
Carrión de los Condes - Terradillos de los Templarios, 28,1 km
Terradillos de los Templarios - Sahagún, 13,5 km
Sahagún - Reliegos, 30,4 km
Reliegos - León, 25,2 km
León - Villar de Mazarife, 21,7 km
Villar de Mazarife - Villares de Órbigo, 17,5 km
Villares de Órbigo - Murias de Rechivaldo, 19,5 km
Die zweite Eingewöhnung
Nach dem alleinigen Wiedereinstieg auf den Jakobsweg und der Pause in Burgos musste ich zunächst herausfinden, wie weit ich alleine am Tag überhaupt laufen will und kann. Es gab einige Tagesetappen, durch die ich durchgerast bin, einfach weil mich nichts und niemand stoppte und das Vorwärtskommen die einzig zu bewältigende Aufgabe war.
Wenn man zu zweit unterwegs ist, kann man sich gut absprechen und aufeinander Rücksicht nehmen. Alleine unterwegs zu sein bedeutet, hier jede Entscheidung alleine zu treffen, sich den Tag selbst zu strukturieren, die eigenen Kräfte gut einzuteilen und dafür verantwortlich zu sein, irgendwo anzukommen wo im besten Fall schon ein Abendessen und ein Bett warten.
Glücklicherweise wusste ich ja schon, wie die Dinge so laufen auf dem Jakobsweg. Mit dem ungefähren Tagesablauf einer Pilgerin, dem Planen von Tagesetappen und dem Finden von Herbergen war ich also schon vertraut.
Jetzt fing meine Spielerei an: Ich hörte auf, die Herbergen vorzubuchen. Na gut, nicht immer. Aber die eine oder andere Herberge konnte ich tatsächlich gar nicht vorreservieren. So war ich gezwungen, mich auf gut Glück aufzumachen und zu hoffen, dass ich ein Bett finden würde in dem Ort, in dem ich für die Nacht bleiben wollte. Glaubt mir, das funktionierte bei weitem nicht immer! Ich hörte schon von einigen PilgerInnen, dass sie weiter bis ins nächste Dorf und zur nächsten freien Herberge wandern mussten, weil vor Ort nichts mehr verfügbar war.
Und so kam es, dass auch ich an einem Tag mehr als 30 und am Tag danach 25 Kilometer bis zur nächsten freien Unterkunft lief. Da ich die Stadt León so einen Tag früher erreichte als gedacht, genoss ich dort einen zweiten wunderbaren Ruhetag. Den hatten insbesondere meine Füße bitter nötig.
Mit Tagesetappen, die über 25 Kilometer lang waren, fing ich an, meine körperlichen Grenzen auszutesten und auszuweiten und bin durchaus stolz darauf. Ob das aber immer sein muss, ist sicherlich fraglich. Ein Learning für mich: Nur weil ich es kann, muss ich nicht ständig an und über meine Grenzen hinausgehen. Der Weg ist noch lang genug, um mich herauszufordern.
Alleine gehen und doch nie alleine sein?
Ganz ehrlich? Ich glaubte, das Ganze hier würde für mich alleine nicht mehr viel mehr werden als Eat, Sleep, Walk, Repeat. Ich dachte, ich ziehe das jetzt einfach stur für mich alleine durch, ohne viel nach rechts und links zu schauen.
Aber auch wenn man den Weg für sich geht, ist man doch selten allein. Ich bemerkte, dass ich auf dem Weg nun wesentlich häufiger von anderen PilgerInnen angesprochen wurde. Also lief ich tatsächlich die ersten Tage, an denen ich solo auf dem Camino unterwegs war, nur selten für mich allein. Ich ging und sprach mit Menschen jeglichen Alters aus Australien, den USA, Irland, Taiwan, Spanien, Dänemark, Schweden, England. Es war spannend über ihre Beweggründe für den Jakobsweg, ihre Geschichten und bisherigen Erfahrungen zu sprechen. Und wohltuend für mich, um erstmal langsam anzukommen im Status der Solopilgerin. Trotzdem sehnte ich mich zumehmend nach Ruhe und Einsamkeit während des Wanderns. Glücklicherweise können es hier fast alle PilgerInnen nachvollziehen, wenn man alleine gehen möchte. Denn eins habe ich schnell gelernt: Nur in der Einsamkeit meiner eigenen Gedanken kann ich frei denken, fühlen und reflektieren.
Dass es aber nicht bei meinem Alleingang bleiben würde, wisst Ihr sicher von meiner Berichterstattung über Instagram. Dazu im nächsten Blogartikel mehr.
Essen und Trinken - Pilgermenüs und Vegetarismus
Dass es schwer sein würde, sich auf dem Camino vegan zu ernähren, ahnte ich schon vor Antritt der Reise. Dass es aber zum Teil sogar kaum möglich sein würde, vegetarische Gerichte in den Bars und Restaurants zu finden, hatte ich nicht erwartet. Salate, Sandwiches, Nudelgerichte. Alles ausreichend verfügbar, aber nie ohne Bacon, Rind, Thunfisch, Ei und selten mit Gemüse. Ein vermeintlich vegetarisches Sandwich bestand neben dem Brot aus einem Salatblatt, einer Tomatenscheibe, Thunfisch und einem gekochten Ei. Na danke.
Vegetarismus ist insbesondere im ländlichen Spanien noch nicht wirklich angekommen und das merkte ich auch an den hin und wieder sehr reservierten Reaktionen der KellnerInnen auf die Frage, ob auch etwas ganz ohne Fleisch oder Fisch serviert werden könnte. Meistens klappte das aber dann doch ganz gut. Und je weiter ich in Richtung Westen kam, desto vielfältiger und besser wurde das vegetarische Angebot.
Die ersten zwei Wochen versorgten Vera und ich uns vorwiegend selbst. Alleine unterwegs hatte ich dann abends aber häufiger Lust auf Gesellschaft und Gespräche, so dass ich oft an den Gemeinschaftsabendessen teilnahm. Die typischen Pilgermenüs werden in den örtlichen Bars oder den Herbergen serviert. Die Menüs bestehen meist aus einer Suppe oder Salat als Vorspeise, als Hauptspeise Fleisch, Fisch oder Eier in jeglichen erdentlichen Zubereitungsvariationen mit Salat und Pommes, Kartoffeln oder Nudeln. Dazu werden Brot, Wasser und Wein gereicht. Als Nachtisch folgen Eis, Käsekuchen, Flan oder Obst. Was Qualität und Größe angehen, bewegen sich die Gerichte auf einem recht breiten Spektrum zwischen fetttriefender Fastfoodküche und hervorragender Hausmannskost mit viel Liebe zum Detail. Preislich liegt das ganze bei 10 bis 15 Euro. Das eigentliche Highlight dieser Abendessen ist aber das rege Zusammenkommen und der Austausch mit den anderen PilgerInnen.
Stetiges Wiedersehen bekannter PilgerInnen
Während ich es tagsüber nun zunehmend genoß alleine in meinem eigenen Tempo unterwegs zu sein, wuchs gleichzeitig die Freude darauf, bei der Ankunft in der Herberge bekannte Gesichter wiederzusehen. Es kam nicht selten vor, dass ich Abend für Abend zufällig in der selben Herberge einkehrte wie die Bekannten der letzten Tage. Oder aber plötzlich Leute wiedersah, die ich zuletzt vor einer gefühlten Ewigkeit, vor hunderten Kilometern das letzte Mal gesehen hatte.
Auf dem Camino ist es übrigens vollkommen egal, wer du vorher warst, wo du wohnst, wie viel Geld du verdienst, welche Kleidung du trägst (wir sehen hier eh alle aus wie enorm sportbegeisterte Flodders). Es ist nur relevant, dass und warum du hier bist, wo du morgens gestartet bist, wo du hin möchtest und wie es dir auf dem Weg ergeht. Diese Gespräche sind ein absoluter Eisbrecher und eröffnen schnell die Möglichkeit für tiefergehende Gespräche. Nicht selten fand ich mich dann auch in tiefgründigen Gssprächen über mich, Gott und die Welt wieder. Mit Menschen, die mir bis vor kurzem noch vollkommen fremd waren, mit denen ich abseits des Jakobswegs vermutlich nie ein Wort gewechselt hätte. Die gemeinsame Erfahrung auf dem Jakobsweg schweißt zusammen.
Hier wird übrigens vorwiegend Englisch gesprochen. Einfach weil es die Sprache ist, die die meisten Menschen wenigstens in ihren Grundzügen verstehen und beherrschen.
Stadt und Land - so weit das Auge reicht
Westlich von Burgos verändert sich die Landschaft merklich. Die Gegend im kastilischen Hochland zwischen Burgos und León wird Nordmeseta genannt. Sie ist beinahe wüstenähnlich trocken und flach und bis auf wenige Ausnahmen, wie den Alto de Mostelares, gibt es kaum noch Anhöhen. Man schaut so weit das Auge reicht über braune Felder und Wiesen hinweg. Und auch der vorausliegende Weg scheint unendlich zu sein.
Nach nur wenigen Tagen bietet diese Landschaft dem Auge nichts Neues mehr. Und so wird man gezwungen, sich den eigenen Gedanken zu widmen, denn Ablenkung gibt es nur noch, wenn es ins nächste Dorf geht. Und die Dörfer gleichen sich almählig immer mehr. Irgendwann verlor ich den Überblick, wie die einzelnen Dörfer hießen und aussahen, in denen ich Rast machte. Bemerkenswert war nur, dass die kleinen Ortschaften teilweise enorm rückständig oder gar vollständig verfallen und verlassen schienen. So fiel es aber auch nie schwer, sich jeden Morgen wieder aufzumachen und weiterzuziehen. Kein Ort, keine Landschaft, keine Herberge ist so schön, dass sie einen vom Laufen abhalten könnte.
Die Städte Burgos, León und Astorga bieten dazu aber ein. Offen gestanden überforderten mich hier die Lautstärke und die Menge an Menschen, die Auswahl an Läden und Restaurants, eigentlich das gesamte Großstadtleben, schnell. Wenngleich sich diese Städte gut anboten für Pausentage, war ich doch immer froh, sie wieder verlassen und zurück in die Natur und Ruhe gehen zu können.
Ab León wird die Landschaft langsam wieder grüner. Die Maragatería beginnt sich bis über Astorga hinaus auszubreiten. Sie zeichnet sich durch saftige Grünstreifen aus und erinnerte mich an die Natur in Norddeutschland. Ich fühlte mich fast heimisch.
Und dann stellte sich auch ein Wohlbefinden ein; das Gefühl, auf dem Jakobswegs angekommen zu sein. Ich genoss die Zeit alleine, das Laufen und die Umgebung immer mehr und lernte, die neue Situation als Chance für mich anzunehmen.
Als Möglichkeit, hier meinen ganz eigenen Camino mit allen Höhen und Tiefen zu durchleben. Denn hier gilt ein ungeschriebenes Gesetz: Der Camino gibt Dir nicht was Du willst, sondern was Du brauchst.
Was interessiert Dich noch an meiner Reise auf dem Jakobsweg? Lass es mich in den Kommentaren wissen.