Jakobsweg | Die erste Ankunft in Santiago de Compostela
Das letzte Drittel des französischen Jakobswegs ist angebrochen und bringt weitere spannende Erfahrungen mit sich. Ich habe wunderbare Freundschaften knüpfen dürfen und so in bester Gesellschaft 272,1 Kilometer durch wunderschöne Natur bis zur PilgerInnenhochburg Santiago de Compostela, dem Ziel des Jakobswegs, zurückgelegt.
Tagesetappen
• Murias de Rechivaldo - Rabanal del Camino, 16,2 km
• Rabanal del Camino - El Acebo, 17,0 km
• El Acebo - Ponferrada, 15,3 km
• Ponferrada - Villafranca del Bierzo, 24,9 km
• Villafranca del Bierzo - Las Herrerías, 22,6 km
• Las Herrerías - Liñares, 12,5 km
• Liñares - Samos, 29,5 km
• Samos - Barbadelo, 19,4 km
• Barbadelo - Portomarín, 18,4 km
• Portomarín - Airexe, 18,3 km
• Airexe - Melide, 23,4 km
• Melide - Tabernavella, 19,7 km
• Tabernavella - Lavacolla, 24,8 km
• Lavacolla - Santiago de Compostela, 10,1 km
Die Dreifaltigkeit des Jakobswegs
Während meiner Recherchen zum Jakobsweg habe ich gelesen, dass sich die Zeit, die Erfahrungen und Veränderungen in drei unterschiedliche Phasen einteilen lassen. In der ersten Phase geht es um den Körper und dessen Anpassung an die tägliche Mehrbelastung. Alles ist neu und ungewohnt, der ganze Körper tut weh. Die zweite Phase ist für die Gedanken reserviert. Durch die allmähliche Gewöhnung an das Wandern und die Umgebung hat der Kopf immer weniger Ablenkung und bekommt nun mehr Zeit zum Nachdenken und Reflektieren. Die Seele bekommt in der letzten Phase des Jakobswegs ihren großen Auftritt. Man wird offen für tiefgreifende Erfahrungen, Begegnungen und Emotionen. Und Überraschung: So war das bei mir auch.
Die erste Phase durfte ich gemeinsam mit Vera erleben und meinen Körper ganz schön herausfordern. Die eine oder andere physische Leistungsgrenze wurde angekratzt oder gar überschritten. Hier kannst Du nochmal mehr über unsere ersten Erfahrungen auf dem Jakobsweg lesen.
Die Phase der Gedanken begann für mich mit meinem alleinigen Wiedereinstieg auf den Jakobsweg. Im letzten Blogartikel habe ich bereits über meine erste Zeit allein auf dem Jakobsweg geschrieben. Da ich plötzlich viel Zeit für mich selbst hatte, kam ich stark ins Nachdenken. Ich haderte viel mit Gedanken über das Wollen, Können und Müssen, mit meinem Sturkopf, meinem Perfektionismus und mit meinem Herzen. Klingt anstrengend? War es auch. Ich habe glaube ich noch nie so viel an mir selbst gezweifelt, mir den Kopf zerbrochen und geweint wie in dieser Zeit. Ich habe aber auch mein Selbstvertrauen ausbauen können und meine Intuition mehr zu spüren und schätzen gelernt. Und weil diese Entwicklung bis jetzt anhält und meine weiteren Schritte maßgeblich beeinflusst, kommt dazu bald noch ein weiterer Blogartikel.
Ganz unverhofft schloss sich dann die dritte Phase an. Nachdem ich eines Morgens eine unwegsame Nebenroute genommen und umgeknickt war, musste ich mein Lauftempo stark drosseln. Ziemlich niedergeschlagen und in der Befürchtung, meine Reise wegen eines möglichen Bänderrisses abbrechen oder mindestens pausieren zu müssen, machte ich Halt in einem kleinen Café im nächsten Dorf. Hier gesellten sich für eine Pause bald wie durch Zufall einige PilgerInnen, die ich in den letzten Tagen und Wochen immer wieder getroffen hatte, zu mir. Wir aßen, spielten Spiele und lachten herzhaft miteinander.
Und schließlich boten Chee aus Nordirland und Janis aus Lettland mir an, die nächsten Kilometer gemeinsam zu gehen, ganz in meinem Tempo, um auf meinen Fuß achtzugeben und uns gegenseitig Gesellschaft zu leisten. Und das war der Beginn einer wundervollen Zeit. Denn es blieb nicht bei dieser einen gemeinsamen Tagesetappe. Chee, Janis und ich bildeten ein internationales Trio, das von anderen PilgerInnen irgendwann The Chillers genannt wurde. Weil wir quasi jede Möglichkeit für eine Kaffeepause nutzten, beim Wandern laut unsere Lieblingsmusik hörten und mitsangen und morgens nur selten wussten, wo wir abends wirklich ankommen würden. Auch die Vorzüge des Rucksacktransports lernten wir schnell zu schätzen. Wir genossen im wahrsten Sinne des Wortes unsere Sweet Time, alles war unheimlich entspannt und zwanglos.
Außerhalb des Caminos hätten wir vermutlich nie zusammengefunden. Und vielleicht machte das unsere Verbindung so besonders stark. Drei Menschen mit den unterschiedlichsten Lebenserfahrungen, die ihre Gemeinsamkeit auf dem Jakobsweg finden. In kürzester Zeit teilten wir neben der Zeit auf dem Camino auch die schönsten, lustigsten, traurigsten Momente miteinander.
Mit Chee fühlte ich mich in so kurzer Zeit so sehr verbunden, dass wir einen Großteil der übrigen Tagesetappen nach Santiago de Compostela gemeinsam zurücklegten. Dort angekommen trafen wir dann so viele bekannte Gesichter wieder und feierten gemeinsam unseren Erfolg.
Wäre ich nicht umgeknickt, hätte ich diese und viele weitere liebe Menschen vermutlich nicht getroffen, wäre nicht mit ihnen gelaufen und hätte den Jakobsweg ganz für mich allein zu Ende gebracht. Chee sagte während eines besonderen Gesprächs auf einer der schönsten Tagesetappen des Caminos etwas zu mir, was mir sehr im Kopf hängen geblieben ist. "Life is not meant to be lived alone. Same with Camino." "Das Leben ist nicht da um alleine gelebt zu werden. Und der Jakobsweg auch nicht." Und sie hat Recht damit. So wichtig es auch war, zuvor viel Zeit für mich und alleine mit meinen Gedanken auf dem Jakobsweg zu verbringen, so wichtig wurden auch wieder die Gesellschaft und Geselligkeit. Diese Begegnungen machten den Jakobsweg für mich erst zu etwas ganz Besonderem.
Galicien - Die grüne Seele Spaniens
Doch nicht nur meine Wanderbegleitung versüßte mir das letzte Drittel des französischen Jakobswegs. Auch die Natur fuhr gegen Ende noch einmal große Geschütze auf. Auf die Region Kastilien und León folgte die Region Galicien. Und diese wird in vielen Wanderführern ganz zurecht als die grüne Seele Spaniens bezeichnet. Die sich hier wieder stärker ausgeprägten Bergketten sind wunderschön bewachsen, alles ist frisch, grün und saftig. Für mich war diese Region definitiv das Highlight des Jakobswegs. Ich habe mich hier richtig heimisch gefühlt und mich jeden Tag wieder auf das Wandern durch die Natur gefreut. Natürlich sind wir dann auch über den berühmt berüchtigten Camino Duro gewandert. Der harte Jakobsweg, der eine alternative Tagesetappe darstellt, war durch einige Höhenmeter über unwegsame Wanderwege durchaus herausfordernd, aber nichts, was wir nicht schaffen könnten. Da wir zu diesem Zeitpunkt Stammkunden des Rucksacktransports waren, konnten wir hier ganz entspannt ohne viel Gepäck wandern.
Leider bedeutet viel grüne Natur auch, dass es relativ oft regnet. Und so waren die letzten fünf Tagesetappen bis nach Santiago de Compostela geprägt von Regenwetter. Bis dato hatte mich das Wetter unheimlich verwöhnt, so dass mich jetzt der wiederkehrende Regen regelrecht herausforderte. Ich musste mir immer wieder Mut und Motivation zusprechen und hoffen, dass der Inhalt meines Rucksacks trocken bleiben würde. Was mir auch hier wieder geholfen hat, waren die anderen PilgerInnen, die mit mir diesen Weg bestritten. Die die gleichen Kämpfe kämpften und vor denselben Herausforderungen standen.
Die Ankunft in Santiago de Compostela
“Stell Dir mal vor, irgendwann steht man dann einfach auf diesem Platz und ist angekommen. Wie irre das sein muss!” Das habe ich ganz am Anfang des Jakobswegs mal zu Vera gesagt. Und auf einmal war es dann soweit.
Etwa zwei Wochen vor meiner Ankunft in Santiago de Compostela wurde mir das erste Mal so richtig bewusst, wie weit ich bereits gekommen war, was ich schon erreicht hatte und wie nah das Ziel vor mir lag. Als ich in die Stadt Sarria, die ungefähr die 100 Kilometer-Grenze bis nach Santiago de Compostela markiert, einlief, heulte ich wie ein Schlosshund. Weil ich es mir bis dato nicht hatte vorstellen können, dass ich wirklich mal dort ankommen würde.
Und ich merkte, dass ich, je näher ich Santiago de Compostela mit jeder einzelnen Tagesetappe kam, immer entspannter wurde. Ich spürte kein Bauchkribbeln, keine Unruhe, keine Ungeduld. Vorfreude ja, aber nicht in dem Ausmaß in dem ich es erwartet hätte.
Denn so klischeehaft das jetzt auch klingt, für mich ging es schon da nicht mehr darum, irgendwo anzukommen. Sondern um das, was auf dem Weg dorthin passiert. Ganz platt ausgedrückt: Der Weg ist das Ziel.
Und dann war er da: Der Tag der Ankunft. Ich hatte mit Chee abgemacht, dass wir beide die letzten 10 Kilometer des Weges für uns alleine laufen und uns dann auf dem Vorplatz der Kathedrale treffen würden. Also stapfte ich alleine los. Wieder durch den Regen, vorbei an einigen aufgeregten PilgerInnen, Schulklassen auf Wanderfahrt und Einheimischen, die sich das Spektakel direkt vor ihrer Haustür amüsiert anschauten. Das sollte es jetzt sein? In Mitten von all diesen Menschen würde ich die letzten Schritte auf dem Jakobsweg, meinem Jakobsweg, gehen? Der Gedanke fühlte sich komisch an. Und genau so komisch war dann auch die Ankunft für mich. Der Weg durch die Vorstadt Santiagos fühlte sich an wie eine halbe Ewigkeit. In der Altstadt angekommen hörte ich dann ganz plötzlich die berühmt berüchtigten Dudelsackklänge, ging ein paar Stufen hinab durch einen Torbogen und… stand auf einmal auf dem Vorplatz dieser atemberaubend schönen Kathedrale. Ich war da, endlich am Ziel. Und fühlte mich doch nicht angekommen.
Natürlich war ich stolz und froh, Santiago de Compostela erreicht zu haben und dort Chee, Janis, Kelly, Maike, Anna-Lena und viele weitere tolle PilgerInnen wieder in die Arme schließen zu können.
Aber ich spürte auch ganz deutlich: Das hier ist noch nicht mein Ende. Ich bin noch nicht am Ziel, mein Jakobsweg ist noch nicht vorbei. Santiago ist gerade nur eine von vielen Tagesetappen für mich.
Und so beschloss ich, zunächst zwei Tage Pause in Santiago de Compostela einzulegen. Um nochmal viel Zeit mit den lieben Menschen zu verbringen und von ihnen Abschied zu nehmen, die Compostela, die PilgerInnenurkunde, abzuholen, die Kathedrale zu besuchen und meinen geschundenen Knochen eine kurze Pause zu gönnen. Anschließen würde ich dann den Camino a Finesterre, den erweiterten Jakobsweg von Santiago de Compostela bis zum Ende der Welt, dem westlichsten Punkt Europas, anschließen.
Der zweite Aufbruch
Schon in meinem ersten Blogartikel über den Jakobsweg steht es geschrieben und in meinen Gedanken hatte ich es immer klar: Ich möchte im Anschluss an die Ankunft in Santiago de Compostela noch weiter nach Westen ziehen, bis zum so genannten Ende der Welt, bis nach Finesterre und dann auch noch bis nach Muxía. Dass ich aber einen so starken Drang danach verspüren würde, den Weg wirklich komplett zu Fuß zu gehen und es mir nicht ausreichen würde, den Bus dorthin zu nehmen, überraschte mich dann selbst.
Genau so klar war mir auch, dass ich diesen Weg wieder alleine gehen würde. Um mich nochmal den Gedanken, Gefühlen und Erfahrungen zu widmen, die mehr Aufmerksamkeit benötigen, als sie bisher erhalten haben. Um mir selbst die Zeit zu schenken, all das zu verarbeiten, was ich erlebt habe. Und um den Veränderungen, die in mir stattgefunden haben, mehr Möglichkeit zur Entfaltung zu schenken.
Im nächsten Blogartikel kannst Du lesen, wie es mir auf dem erweiterten Jakobsweg nach Muxía und Finesterre ergangen und was alles so passiert ist.