Jakobsweg | Die ersten Erfahrungen

Nach den ersten 15 Tagesetappen auf dem Camino Francés haben Vera und ich bereits 300 Kilometer, davon 244,5 zu Fuß und 55,5 mit dem Bus und Auto zurückgelegt und einiges erleben dürfen.

Landkarte des Camino Francés

Quelle: Conrad Stein Verlag

Die Tagesetappen

  • Saint-Jean-Pied-de-Port - Valcarlos, 21,0 km

  • Valcarlos - Roncesvalles, 14,0 km

  • Roncesvalles - Zubiri, 22,7 km

  • Zubiri - Villava, 16,5 km

  • Villava - Pamplona, 3,8 km

  • Pamplona - Puente la Reina, 24,6 km

  • Puente la Reina - Estella, 22,2 km

  • Estella - Los Arcos, 22,0 km

  • Los Arcos - Viana, 19,0 km

  • Viana - Navarrete, 9,8 km zu Fuß, 12,5 km mit dem Bus

  • Navarrete - Nájera, 17,2 km

  • Nájera - Santo Domingo de la Calzada, 21,7 km

  • Santo Domingo de la Calzada - Castildelgado, 12,3 km

  • Castildelgado - Villambistia, 17,7 km

  • Villambistia - Burgos, 43,0 km mit dem Auto

Am Ende der ersten Tagesetappe überquerten wir kurz vor Valcarlos bereits die Grenze zwischen Frankreich und Spanien. Der Übergang fand vollkommen unbemerkt statt, sodass wir erst anhand der Straßenschilder in Valcarlos bemerkten, dass wir uns schon in Spanien befanden.

 

Das Wandern und die Routen

Der Start aus Saint-Jean-Pied-de-Port durch, oder besser gesagt über die Pyrenäen war für uns beide unerwartet hart. 1.400 Höhenmeter rauf, runter und wieder rauf, die sengende Spätsommerhitze und der doch recht schwere Wanderrucksack gestalteten die ersten Etappen für uns extrem herausfordernd. Es war schwer, sich ein gutes Schritttempo anzueignen und herauszufinden, wie der Rucksack auch über mehrere Stunden bequem zu tragen ist. Am Abend des ersten Tages mussten wir über Schafwiesen und Geröllpisten wieder einige Höhenmeter hinabklettern, weil oben in den Herbergen keine freien Betten verfügbar waren.

Die Etappen der kommenden Tage hatten es nach wie vor in sich und glänzten neben dem erneuten Anstieg auf etwa 1.200 Höhenmeter mit steilen und engen Trampelpfaden und vorwiegend unbefestigten Kiespisten. Ich fragte mich während des Wanderns immer wieder, warum diese Strecken so unwegsam sind und wer sich überlegt hat, dass dies gute Pilgerwege sein könnten. Bisher habe ich keine Antworten auf diese Fragen gefunden.

Ab der vierten Etappe wurden die Strecken deutlich angenehmer zu laufen und ebener im Höhenprofil. Wir gewöhnten uns langsam an die körperliche Belastung. So konnten wir dann auch mehr und mehr die wunderschöne und abwechslungsreiche Landschaft um uns herum wahrnehmen und genießen. Anhand unseres Reiseführers lernten wir die kommenden Strecken einzuschätzen, sodass wir uns nicht übernahmen. Je nach Gelände und Wetterlage planten und begingen wir dann meist Tagesetappen mit einer Länge zwischen 15 und 20 Kilometern. Weil uns die Planung solcher Trips ohnehin viel Spaß macht und wir zunehmend Gefallen am Wandern fanden, freuten wir uns bald schon abends auf den Start am nächsten Morgen.

Nachdem wir zehn Tage lang ausschließlich zu Fuß unterwegs waren, fuhren wir die Teiletappe von Logroño nach Navarrete mit dem Bus. Es fühlte sich enorm seltsam an, plötzlich auf andere Art als zu Fuß unterwegs zu sein. Der rasante Fahrstil des Busfahrers tat dann sein Übriges. Anschließend waren wir beide froh, wieder festen Boden unter den Wanderschuhen zu haben und das Tempo selbst bestimmen zu können.

Bisher liefen wir übrigens entgegen der vorangegangenen Überlegungen jede Etappe gemeinsam. Wir fanden schnell ein gutes Schritttempo zwischen Veras entspanntem Schlendern und meinem Stechschritt. Nur wenn der Hunger kommt und die Laune zu sinken droht, wird der Sicherheitsabstand zwischen uns größer. ;)

Morgendliches Selfie von Vera und Franzi

Die Landschaft und die Pilgerorte

Von der dunkelgrünen Gebirgslandschaft des französischen Baskenlandes aus durchquerten wir die spanische Provinz Navarra und gelangten über in die Weinregion La Rioja bis in das wüstenähnliche Kastilien. Landschaftlich waren die ersten zwei Wochen also ein absoluter Augenschmaus. Von Gebirgsketten, Weinbergen, endlos weiten Ausblicken über das Umland bis hin zu staubtrockenen Graslandschaften war alles dabei und immer wieder faszinierend anzusehen. Wenn wir Halt machten, uns umdrehten und sahen, wie groß und weit das Land um uns herum ist und welche Strecken wir bereits hinter uns gelassen haben, waren wir besonders stolz und ergriffen.

Im schönen, aber trubeligen Pamplona merkten wir schnell, dass uns der Großstadttrubel überforderte. Schon nach wenigen Tagen fühlten wir uns in der Ruhe und Weite der Natur wesentlich wohler. So genossen wir wenig später hoch oben auf dem Alto del Perdón neben kunstvoll gefertigen Stahlfiguren den tollen Ausblick über Pamplona. Um anschließend wieder eine unwegsame Geröllpiste hinab zu klettern…

Stahlkunst auf dem Alto del Perdón

Irgendwann kehrten wir in die Kleinstadt Viana ein. Hier gerieten wir auf dem Weg zum Supermarkt ungeplant in die Feierlichkeiten zum städtischen Stierkampf. Die BewohnerInnen der Stadt trugen allesamt weiße Kleidung mit roten Tüchern als Farbtupfer, tranken Wein und feierten ausgelassen. Mich ließen die Arena auf dem Marktplatz und die Treibjagd der Jungbullen durch die engen Gassen der Stadt sprach- und fassungslos zurück.

Der Weg nach Santo Domingo de la Calzada führte uns schließlich durch das kleine Örtchen Cirueña. In dieser Geisterstadt wohnen nicht einmal 100 Menschen, obwohl Häuser und Wohnkomplexe für mehr als 10.000 EinwohnerInnen zur Verfügung stehen. Die Kleinstadt ist dem Immobilienboom und den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise im Jahr 2008 zum Opfer gefallen. Unzählige, nie bewohnte Gebäude stehen daher leer und sorgen für eine unheimliche Stimmung. Einzelne Wohnungen wurden mittlerweile zu Pilgerunterkünften umfunktioniert. Wir waren jedoch froh, hier keine Nacht verbringen zu müssen und weiterziehen zu können.

 

Die Pilgerunterkünfte

Geplant war eigentlich, dass wir immer erst morgens entscheiden, wie weit wir wandern und wo wir dann abends einkehren werden. Das funktionierte leider schon auf der ersten Etappe nicht. Die Betten der einzigen zwei Herbergen oben in den Pyrenäen waren wohl schon Monate im Voraus ausgebucht. Und so mussten wir, nachdem wir uns gegen Wildcampen entschieden hatten, notgedrungen einen 10 Kilometer langen Umweg zur nächsten verfügbaren Unterkunft in Kauf nehmen. Am Ende des ersten Tages entschieden wir daher, die Herbergen für die nächsten Tage vorzubuchen, sofern dies denn möglich war. Damit steckten wir auch gleich die Länge der jeweiligen Tagesetappen fest. Dieses Vorgehen entspricht nach Meinung einiger PilgerInnen nicht dem eigentlichen Sinn des Pilgerns und nimmt uns natürlich die Spontanität. Für den Anfang zogen wir jedoch die Sicherheit eines Schlafplatzes vor. Zum Wildcampen war es nachts nämlich wirklich schon zu kalt. ;)

Die Herbergen, im Spanischen Albergues genannt, unterscheiden sich stark voneinander. Es gibt kleine, privat geführte Unterkünfte. Hinsichtlich Sauberkeit und Qualität der Ausstattung bewegt man sich hier zwischen dem, was bei Hempels unterm Sofa abgeht und einem Boutique-Hotel.

Zusätzlich gibt es aber auch eher wenig komfortable, jedoch größere öffentliche und kirchliche Herbergen. Letztere sind meist einem Kloster oder einer Kirche angegliedert, recht einfach aber sauber gehalten. Die fleißigen Ordensleute und freiwilligen HelferInnen machen hier gute Arbeit.

In diesen Unterkünften stehen etwa zwanzig Stockbetten, die mehr oder weniger stabil sind und entsprechend quietschen, in einem großen Schlafsaal. Es gibt keine Bettdecken, nur Matratze und Kopfkissen, die man selbst mit einem hauchdünnen Einmalbettbezug beziehen muss. Wenn man sich erstmal an die wackeligen Betten und Dank der Ohrstöpsel an die nächtliche Geräuschkulisse gewöhnt hat, bekommt das Ganze den Charme einer Klassenfahrt. Toiletten und Duschen sind einigermaßen sauber, Flipflops sind aber definitiv ein Muss. Selten gibt es hier persönliche Schließfächer, in denen der Rucksack und das wenige Hab und Gut untergebracht werden können. Häufiger nehmen wir aber nur unsere Wertsachen und Papiere mit und lassen den Rest am Bettplatz stehen. Zum Stehlen gibt es abgesehen von getragener Wanderkleidung ja eh nichts. Und wer sich daran bedienen will, der hat sicher noch ganz andere Probleme...

Ein Bett in den Pilgerunterkünften kostet pro Nacht und Person übrigens zwischen 6 und 14 Euro.

 

Der Tagesablauf

Nach ein paar Tagen der Eingewöhnung konnten wir einen gut funktionierenden Tagesablauf etablieren. Unser Tag beginnt früh, meist gegen 6 Uhr. Manche PilgerInnen starten sogar noch früher und laufen im Dunkeln los, wenn sie besonders motiviert sind oder frühzeitig am Tagesziel ankommen möchten. Wir hingegen brauchen den Schlaf und möchten erst losgehen, wenn es draußen einigermaßen hell ist.

Nach dem Aufstehen beginnt bei allen die große Kramerei und Pakerei, weil Kleidung und Schlafsack gut im Wanderrucksack verstaut und die Herbergen zeitnah wieder verlassen sein wollen.

Unser klassiches Pilgerfrühstück

Manche Herbergen bieten für 3 bis 4 Euro ein kleines kontinentales Frühstück mit Baguette, Marmelade, Kaffee und Orangensaft an, sodass man sich schon vor dem Start stärken kann. Falls dies nicht verfügbar ist, setzen wir uns mit etwas Brot, Obst und Gemüse vor die Herberge und schauen uns den Sonnenaufgang an. Ohne Frühstück und hungrig bin ich doch recht unleidlich und fühle mich nicht wirklich startklar.

Zwischen 7.30 und 8 Uhr laufen wir los. Einen Schritt vor den anderen. Der Start ist meist etwas schwerfällig, aber nach wenigen Kilometern finden wir ein gemeinsames Tempo.
Zwischen 9 und 10 Uhr und dann wieder gegen 12 Uhr legen wir Pausen ein. Dann machen sich Hunger und Füße bemerkbar. Wir setzen uns an ein schattiges Plätzchen und schnabulieren vorbereitete Snacks. In kleinen Cafés oder Bars, die speziell für PilgerInnen geöffnet haben, werden Sandwiches, Tortillas und Kaltgetränke serviert. Vegane Speisen finden sich hier übrigens so gut wie gar nicht, meist wird aber wenigstens ein vegetarisches Gericht angeboten.

Mittags haben wir häufig schon etwa Zweidrittel der geplanten Tagesetappe hinter uns gebracht. Das hat sich besonders an Tagen mit 35 Grad und strahlendem Sonnenschein bewährt, weil die Hitze uns schnell träge machte.

Müde aber stolz auf uns kommen wir am Nachmittag bei der nächsten Herberge an und beschließen jede Etappe mit einem High Five. Nachdem der Schlafplatz zugewiesen ist, geht das Kramen wieder los. Bett beziehen, frische Kleidung raus, duschen gehen oder direkt wieder nach draußen an die frische Luft. Entspannendes Yoga und eine Wadenmassage etablierten sich schnell zum festen Abendritual. Danach essen wir zu Abend, sitzen mit anderen PilgerInnen zusammen, quatschen und schreiben in unser Tagebuch. Das Licht wird um Punkt 22 Uhr ausgeschaltet und alle versuchen schnell einzuschlafen, um für den nächsten Tag wieder fit zu sein.

 

Das Gefühl für Zeit und Raum

Wir sind hier sehr schnell in eine Routine gekommen, in der Zeit und Raum immer unspezifischer und irrelevanter werden. Vollkommen unabhängig von unserem Aufenthalts- und Zielort finden jeden Tag ein und dieselben Aktivitäten statt. Das Wandern ist der relevanteste Tagespunkt, ob er nun zwei oder acht Stunden dauern mag. Das Gefühl für Orte und Strecken, Zeiträume, Datum, Wochentage und Uhrzeiten ist uns vollkommen veloren gegangen. Wir sind definitiv in eine Blase, eine eigene Welt, eingetreten, in der kaum etwas anderes relevant ist als das Vorwärtskommen.

So kam es schon vor, dass wir an einem Sonntag Nachmittag ratlos und mit leerem Magen vor einem geschlossenen Supermarkt standen und erst gar nicht wussten, was los war.

 

Zum Schluss

Obwohl hier schon so viel steht, habe ich gefühlt nur einen Bruchteil des bisher Erlebten beschrieben. Ich könnte schon nach den ersten zwei Wochen ein ganzes Buch mit dem füllen, was wir gemacht und gesehen haben.

Eines kann ich sagen: Wir haben Spaß am Wandern, lachen viel und wachsen jeden Tag über uns hinaus. Wir schaffen mehr, als wir uns vorgenommen haben uns sind unheimlich stolz auf uns, unser Durchhaltevermögen und unsere Körper.


Diesen Blogartikel habe ich zum größten Teil bereits vor der gesundheitsbedingten Zwangspause in Burgos geschrieben. Insbesondere die letzten Zeilen dieses Artikels haben mittlerweile eine ganz andere Tragweite für mich bekommen. Dazu dann mehr in den kommenden Blogartikeln.


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Franzi

FRANZI ☀️ Weg von Zuhause, raus in die Welt 🗺

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