Jakobsweg | Der zweite Aufbruch, die zweite Ankunft
Nachdem ich den franzözischen Jakobsweg beendet habe, mache ich mich wieder auf den Weg, um weitere 204,6 Kilometer bis zum Ende der Welt zu laufen. Denn ich bin noch lange nicht fertig mit dem Wandern, mit dem Nachdenken, mit mir.
Das Ende der Welt am Kap Finisterre
Tagesetappen
Jakobsweg durch den Wald
Santiago de Compostela - Negreira, 22,0 km
Negreira - Lago, 26,1 km
Lago - A Grixa, 23,6 km
A Grixa - Muxía, 15,7 km
Muxía - Finisterre, 30,8 km
Finisterre - Cée, 12,1 km
Cée - Lago, 25,8 km
Lago - A Pena, 18,5 km
A Pena - Ames, 20,2 km
Ames - Santiago de Compostela, 9,8 km
Ankunft und Aufbruch
Ich trat nach mehr als 800 Kilometern zu Fuß auf dem Jakobsweg zum ersten Mal auf den Vorplatz der Kathedrale von Santiago de Compostela. Ich sah mich um, atmete tief ein und aus und wartete. Wartete auf ein überwältigendes Gefühl des Triumphs. Das Gefühl, es endlich geschafft zu haben, endlich fertig zu sein. Aber es kam nicht.
Ich erreichte Santiago de Compostela (mehr darüber kannst Du hier lesen). Das Ziel und das offizielle Ende des französischen Jakobswegs und fühlte mich doch nicht angekommen. Die Stadt war für mich nur eine weitere von vielen Etappen auf meinem persönlichen Jakobsweg. Aber wohin sollte ich jetzt gehen? Wenn das hier nicht mein Ziel war, was war es dann?
Der zweite Aufbrauch, zurück auf den Jakobsweg
Zum ersten Mal konnte ich den Sinn verstehen, es regelrecht fühlen, was mit dem Satz Der Weg ist das Ziel gemeint ist. Es war egal, wohin ich ging und wo ich ankam, so lange ich unterwegs war. Und so marschierte ich nach zwei Tagen des Feierns, Ausruhens und Verabschiedens wieder los. Zurück auf den Jakobsweg, der mich weiter westwärts über Muxía nach Finesterre führte. An der spanischen Westküste entlang bis an das so genannte Ende der Welt, von wo aus es auf dem Landweg nicht mehr weitergehen würde.
Während ein Großteil der PilgerInnen ihre Reise in Santiago de Compostela beenden und lediglich eine Tagestour mit dem Bus nach Finesterre machen, war mir klar, dass ich laufen musste. Jeden einzelnen Meter, jeden einzelnen Schritt. Wie weit das sein und wie lange das dauern würde, wusste ich nur ungefähr. Weil Zeit und Raum für mich nur noch zwei abstrakte Konzepte waren, die für mich keine Relevanz mehr hatten. Ich hatte meinen Tagesablauf, meine Routinen, die zu jeder Zeit und in jeder Umgebung abliefen, ohne großartig vom Außen beeinflusst zu werden.
Ich verließ Santiago de Compostela und war froh wieder unterwegs zu sein. Ich ging alleine und das war selbstgewählt. Denn ich hatte seit ein paar Tagen die Worte eines Pilgerfreunds im Kopf: You are the most important person on your camino. Auf deinem Jakobsweg bist du die wichtigste Person. Und damit hatte er absolut recht.
So wollte ich dieses letzte Stück des Jakobswegs für mich laufen, mir die Zeit bewusst geben und genießen. Ich wollte die Zeit und den Weg nutzen, um Gedanken zu denken, Gefühle zu fühlen, alles zu verarbeiten und zu ordnen, was noch nicht in Ordnung war. Denn eines war mir bereits klar: Nur wenn ich alleine auf dem Jakobsweg wandere, komme ich in eine tiefgehende und intensive Selbsterfahrung, die ich in Gesellschaft nicht erreichen würde.
In der Einfachheit des Lebens auf dem Jakobsweg merkte ich schnell, worin meine Herausforderung dieser Reise lag:
Was kann ich schaffen und was will ich schaffen? Wo ist da die Differenz und warum? Habe ich bestimmte Ideen und Ziele, weil das meine Meinung ist, mein Dickkopf oder ein Denkmuster, das ich mir angeeignet habe? Höre ich auf meinen Körper, meine Gefühle und meine Seele? Warum mache ich das alles hier eigentlich?
Eine Menge Fragen? Das ist nur ein Ausschnitt. ;) Aber du siehst, ich hatte noch einiges zu durchdenken. Kann ich nun, nach dem Jakobsweg, alle Fragen beantworten? Absolut nicht. Und die, die ich jetzt beantworten kann, werden vielleicht wieder auftauchen und neu zu überdenken sein.
Ein paar Dinge konnte ich jedoch für mich klären und die möchte ich gerne teilen.
Können und Wollen – der Kampf und die Wiederentdeckung meines Bauchgefühls
Der Blick in die Ferne vom Ende der Welt
Ich bin ein Kopfmensch, durch und durch. Entscheidungen werden gut durchdacht, bevor sie getroffen werden. Alles, was ich mache, muss einen Grund, einen Sinn haben. Auf dem Jakobsweg lernte ich, mein Bauchgefühl wieder zu spüren und darauf zu vertrauen. Auch, wenn mir das damals häufig vollkommen irrational erschien.
Und so entschied ich mich sogar zweimal während des Jakobswegs dazu, nicht in der Herberge unterzukommen, in der ich ursprünglich schlafen wollte, andere Wege einzuschlagen und erst im Moment der Ankunft zu entschieden, wohin und wie weit ich gehen würde. Andersherum entschied ich mich, mit bestimmten Menschen mehr Zeit zu verbringen und bewusst über sehr private Dinge zu sprechen, die mich bewegen.
Das klingt vielleicht banal, aber für mich ist es das ganz und gar nicht. Nachdem ich verstand, was dieses Gefühl in mir bedeutete und was es mir bringen würde, freute ich mich jedes Mal darüber, wenn es da war.
Den Moment genießen – Im Hier und Jetzt sein
Meilensteine an der Weggabelung: Finisterre oder Muxía?
Ich liebte und liebe es zu planen. Ich hätte den Jakobsweg schon Wochen im Voraus bis auf den letzten Tag hin durchplanen können. Habe ich zum Glück nicht. Ich bemerkte, dass es mir nicht nur auf dem Jakobsweg, sondern auch vorher schon unheimlich schwerfiel, fast unmöglich war, den Moment zu genießen, wenn ich mit dem Kopf immer schon weiterplante und mit den Gedanken schon einen Schritt weiter war. So zwang ich mich auf dem Jakobsweg, und insbesondere auf dem letzten Stück nach Muxía und Finisterre, gar nichts mehr vorzuplanen. So war das Leben auf dem Jakobsweg sehr einfach. Mehr als das Heute, der Weg, den ich ging, und die Herberge, in der ich ankommen würde, zählten nicht. Und das war sehr befreiend. Die Einfachheit ging so weit, dass ich bis zur Weggabelung, an der es links nach Finisterre und rechts nach Muxía ging, nicht gewusst oder gar geplant hatte, wo es zuerst hingehen würde. Dank des Rundwanderwegs wäre ich ohnehin irgendwann bei beiden angekommen. Wie habe ich dann die Entscheidung getroffen, als ich an der Weggabelung stand? Bauchgefühl! ;) Es fühlte sich richtig an, erst nach Muxía zu gehen und von dort aus nach Finisterre zu laufen. Und auch im Nachhinein ist diese Entscheidung absolut richtig gewesen.
Durch diese Spontaneität konnte ich viel besser im Moment verweilen, ihn komplett wahrnehmen und genießen. Ich konnte auf mein Bauchgefühl, aber auch wieder auf meine Stimmung hören und immer entsprechend der aktuellen Situation entscheiden, wohin und wie lange ich gehen würde. So überkam ich die Schwelle, nicht immer den Dickkopf oder mein Ego entscheiden zu lassen. Ich konnte mehr in mich hineinspüren und mir auch bewusst Ruhe gönnen. Ich hatte so auch endlich die Möglichkeit, aus einem immer wiederkehrenden selbstgemachten Leistungsanspruch, eine bestimmte Anzahl an Kilometern pro Tag zurücklegen zu müssen, herauszutreten.
Einen gefestigten Glauben
Die Kirche Santuario da Virxe da Barca in Muxía
Manche Menschen kommen auf den Jakobsweg wegen ihres Glaubens. Ich gehe vom Jakobsweg mit einem Glauben. Ich hätte nie erwartet, dass sich das so in mir entwickeln kann, aber ich habe einen Glauben. Und der war in der Rückschau auch schon da, nur sehr unspezifisch und kaum greifbar für mich. Wie ich das bemerkte? Ganz einfach, ich musste in so gut wie jeder Kirche, die ich auf dem Jakobsweg betrat, weinen. Und zwar richtig doll (ja, ich habe generell viel geweint auf dem Jakobsweg, aber in den Kirchen war das schon auffällig). Da begann ich irgendwann, das alles mal genauer zu betrachten. Offenbar war da ja mehr in mir. Das Gefühl, geborgen und weniger alleine, irgendwie begleitet und auf dem richtigen Weg zu sein.
Meine Überzeugung, dass all das, was ich mache, einen Sinn hat, hat sich hier bestärkt.
Bis ans Ende der Welt und zurück
Als ich am Kap Finisterre ankam, liefen die Tränen wie Sturzbäche. Ich war wirklich am Ende des Jakobswegs angekommen, weiter ging es von hier aus nicht mehr. Ich hatte alle To Do’s erfüllt, die ich mir auferlegt hatte. Ein anderer Pilger sagte dort zu mir: This is the end. Now it is really over. Das ist das Ende. Jetzt ist es wirklich vorbei. Und so fühlte ich mich auch.
Und nun? Ich hatte ja nichts anderes zu tun, fühlte mich nun auch ein wenig ziellos und genoss das Wandern nach wie vor. Noch ein bisschen länger in der Camino Blase zu bleiben und den kleinen gelben Wegweisern noch etwas länger zu folgen erschien mir gut. Und so lief ich den Weg von Finesterre auch komplett zurück.
Am 04. November 2022 erreichte ich dann zum zweiten Mal Santiago de Compostela. Und nach 204,6 Kilometern, auf denen ich so gut wie komplett alleine und immer zu Fuß unterwegs war, bis zum Ende der Welt lief und zurückkehrte, war ich endlich fertig. Ich hatte das Gefühl meine Aufgabe endlich erfüllt zu haben. Das war und ist unheimlich befriedigend.
Den Camino im Herzen
Wirklich angekommen in Santiago de Compostela
Physisch habe ich meinen Jakobsweg, meinen Camino, nun nach insgesamt 1.021,2 Kilometern beendet. Auf jeden Fall vorerst. Aber in mir drin ist der Camino nun erst richtig losgegangen. Ich habe viele neue Gedanken, Ideen und Haltungen gefunden und entwickelt und möchte sie fest in mein Leben integrieren. Welche das sind?
Ich möchte mein Leben vereinfachen. Weniger Dinge um mich haben und besitzen, weniger To Do‘s gleichzeitig auf der Liste stehen haben. Ich möchte weniger schnell urteilen, bevor ich mir nicht selbst ein vernünftiges Urteil bilden konnte. Ich möchte sanfter zu mir selbst sein, mir mehr Ruhe gönnen und üben, den Moment zu genießen und einfach mal nichts tun müssen.
Und dass ich das hier fast drei Monate nach meiner Ankunft in Santiago de Compostela veröffentliche, zeigt sicher auch, wie lange die Erfahrungen des Jakobswegs noch nachwirken. Ich denke jeden Tag an meine Zeit auf dem Camino und meine Entwicklung und freue mich darüber, damals den ersten Schritt und alle weiteren bis zum Ende gegangen zu sein.